Dienstag, 31. Juli 2012

Comic & Literatur (3v3) - In der Strafkolonie


Die Adaption der weltbekannten Kurzgeschichte von Franz Kafka bildet den Abschluss dieser ersten Übersicht (1v3 & 2v3) zum aktuellen Stand der grafischen Literaturaufarbeitungen.

"In der Strafkolonie" von Sylvain Ricard & Mael ist zwar (innerhalb dieser Auswahl) die werkgetreueste Annäherung an den literarischen Text, jedoch unterscheidet auch sie sich deutlich von bisherigen Umsetzungen.

Nach "Die Verwandlung" (meine Besprechung findet ihr hier) legt  Knesebeck mit diesem Titel bereits den zweiten Comic zu Kafka vor. Ich bin darüber nicht sonderlich verwundert, denn ich bewundere den Autor schon seit langer Zeit für seine ausgesprochen filmische Ausdrucksweise. Auch, dass erneut eine Kurzgeschichte aufgegriffen wurde, scheint folgerichtig. Kafkas sozialkritische Miniaturen besitzen eine erschreckend hohe Aktualität.

Die Strafkolonie - dieses brutale Sinnbild einer obrigkeitshörigen, inhumanen Willkürjustiz erschrickt in der vorliegenden Comicform sogar noch deutlich mehr als in seiner bereits schockierenden Textform. Diese düstere, dystopische Ballade auf eine fetischisierte Bestrafungsmaschinerie, bei der die Entmenschlichung des Delinquenten zum Selbstzweck gerät, gehört für mich zum pointiertesten, was die (an Dystopien nicht gerade arme) Literatur des 20. Jahrhunderts hervorbrachte.

Das Texter/Zeichner-Duo legt eine atemberaubende Kooperation vor. Ricard hat den knappen Text verschlankt und nochmals radikalisiert. Mael ergänzt diese Wortgewalt mit detailreichen Bildern, die keinerlei Verkitschung zulassen.

Der unterkühlte, distanzierte Ton der Erzählung bleibt erhalten, er wird aber durch die erschreckenden Bilder, die ihn flankieren, nochmals verstärkt. Die Textebene verzichtet auf ein Skizzieren der Tötungsapparatur, sondern fügt sie (in all ihrer grausamen Pracht) in den Hintergrund ein.

Die Maschine wird stückweise sichtbar gemacht. Schrauben, Zahnräder - im grellen Gegenlicht einer glühenden Sommersonne. Noch bevor die Maschine erstmalig komplett sichtbar wird, fügen sich die Einzeleindrücke als heimtückisches Bild vor dem inneren Auge zusammen.

Der expressive Strich Maels unterstreicht diese Wirkung gekonnt. Die Überlappung der beiden medialen Zugänge ist beängstigend präzise. Fast könnte man glauben, der Texter montiert einzelne Textsamples unter eine Bildergalerie. Kein Wort zuviel, kein Strich zu wenig. Komplette Verdichtung.

Kafka gelang durch seine hartherzige Versuchsanordnung das Setting einer sehr frühen Medienkritik. Nicht nur der von den Tötungsqualitäten seines Apparat beseelte, von ihrem Vernichtungspotential fast trunkene Offizier erscheint abstossend inhuman. Nein, auch der zuschauende und teilnehmende Beobachter wird angeklagt.

Die Maschine - diese "Einheit aus Schrift und Tod" wird für beide zum fesselnden Schauspiel. Während sich die beiden an der technischen Präzision beim Vollzug des Urteils laben, tritt die Qual des Geknebelten, dieses Pergaments aus Fleisch in den Hintergrund. Stattdessen wird die Maschine zur Götze.

Bei ihrer Anbetung wird die Egge, welche über die quälende Dauer von 12 Stunden hinweg die Haut des hellwachen Verurteilten zerreisst, fast liebevoll geschildert. Diese kalte Maschinenliebe, die Kafka so detailreich ausführte als er die Details dieses monströsen Apparats hellsichtig niederschrieb wird, durch die schonungslose Visualisierung im Comic fast greifbar.

Erwähnenswert ist auch der dem Comic vorangestellte Text, in dem beide Autoren ausführen, weshalb sie diese Kurzgeschichte für einen der Schlüsseltexte zum Verständnis von kaltblütiger Tyrannei und der Dehumanisierung des ausgeschlossenen Anderen halten.

Der offensichtliche Humanismus, der diesen wenigen Zeilen innewohnt, erklärt weshalb sie die abstossende und perfide Präzision der Maschine, ihres Benutzers und seines Zuschauers so gnadenlos ausstellen. Sie setzten auf das Überwältigungspotential ihres Werks und erklären den eintretenden Ekel zum heilsamen Schock und somit zum einzig wirksamen Mittel gegen die Faszination dieser Tötungsapparatur.

Ich denke, jede weitere Adaption eines literarischen Stoffes muss sich an dieser nahezu perfekten Verschmelzung von Schrift und Bild messen lassen. Sylvain Ricard & Mael ist ein Meisterwerk der grafischen Erzählweise gelungen - nicht zuletzt aufgrund ihrer eigenen Faszination für das Genie Kafkas.

Montag, 30. Juli 2012

J. MICHAEL STRACZYNSKI ("Babylon 5") kotzt sich über MARVEL aus + JMS' neue Projekte, Neil Gaiman, Nite Owl ...

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Der erfolgreiche Autor und Produzent J. Michael Straczynski ("Babylon 5") stand am vergangenen Wochenende dem "Collider" Rede und Antwort. JMS nutzte die Gunst der Stunde für einen seiner gefürchteten Rundumschläge... gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber (von etwa 2001 bis 2008) MARVEL COMICS.

Straczynski bemängelt schnippisch an seinem "Amazing Spider-Man" - run: "I tried to call it ‘The Barely Adequate Spider-Man."

JMS schrieb "Amazing Spider-Man" über Jahre hinweg erfolgreich, bis es zum "Kampf Der Titanen" zwischen ihm (als Autor) und Marvel's damaligem Editor in Chief Joe Quesada kam; der Grund: wie sollte storytechnisch Peter Parkers Ehe mit Mary Jane aufgelöst werden, die von den Marvel-Oberen als nicht mehr zeitgemäß unerwünscht war?

Das Endergebnis, die von Quesada komplett umgeschriebene "One More Day"- Story, ist unter Spidey-Fans bekannt und berüchtigt... (Peter Parker tauscht beim Satan-Ersatz Mephisto seine Ehe gegen das Leben seiner Tante ein... inklusive diverser Veränderungen der Timeline).

Seit der Veröffentlichung dieser 4-teiligen Story hat Autor JMS versucht, sich von diesem Machwerk zu distanzieren. Auf all die Ungereimtheiten, die diese Geschichte mit sich brachte, äußerte Quesada nur "It's comic book- magic. We don't have to explain it."


JMS besteht ausdrücklich darauf, das es ohne die Einmischung Quesadas diese hanebüchende Story niemals gegeben hätte... Übrigens ebenso wie die, auch durch Einmischung des Redakteurs verunterstaltete Spidey-Storyline "Sins Past", in der ursprünglich die bis dato unbekannten Kinder von Peter und seiner verstorbenen Freundin Gwen Stacy auftauchen sollten; "Dank" Quesada wurde daraus die Story von Gwen, die -vollkommen "out-of-character" geschrieben!- 'mal eben mit Peter's Erzfeind Norman Osborn (aka The Green Goblin) vögelt... und ihm zwei mutierte Kinder gebärte.)

In besagtem "Collider"-Interview wettert JMS aber auch über die Art und Weise in der Marvel seine Charactere umschreibt, wenn es um die sogenannten "Event"-Serien geht ("Civil War" & Co.), was im Falle von "Thor" dazu führte, das JMS endgültig mit Marvel brach...

"I’m all for crossovers if they benefit the individual books. But it was feeling more and more like the individual characters were being bent towards the event in ways I didn’t think were appropriate. I mean to make Reed Richards a bad guy in Civil War

...I just never bought into that. And that Captain America would surrender to a mob? I never bought into that. The more you have characters doing things that they wouldn’t do,
because you want it for an event, I just had an increasingly hard time with that. And you can see why after a while, I pulled back from that.

...Which is why I hid in Thor. I said, ‘I’ll do this book but don’t touch me with the other events.’ It was a character that nobody wanted to write because nobody knew how do deal with him. They offered it to Mark Millar, who ran screaming into the night, they offered it to Neil Gaiman. I said, ‘I’ll write him.’ And my idea was, ‘leave me the fuck alone.’ Just write this character....


...I called (Marvel Publisher) Dan Buckley and said, ‘I heard what your plans are for this. Everything I’ve done, it’s going to be shot to hell.’ Similar to how Spider-Man was shot to hell with One More Day, which was Joe Quesada’s thing. And that’s when I said, ‘I just can’t do this anymore.’"

Das komplette Interview mit J.Michael Strczynski gibt es auf auf Collider zu lesen, HIER!
Dort erfährt man auch etwas mehr über JMS' aktuelle Projekte (wie etwa Volume 2 seiner "Superman: Earth One" Graphic Novel, die demnächst erscheint, diverse Internet-Projekte oder seine Mitwirkung an "Before Watchmen")

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Abb. (4) c) 2012 DC
Abb. (3) c) 2012 Marvel/Disney
"Babylon 5" c) 2012 WB / JMS

Fotos von der Signierstunde mit Bela Sobottke am Samstag, 28.7. 2012

Bela Sobootke signierte bei uns in der Zossener Strasse 33 in Kreuzberg ab 14 Uhr seine Bücher anlässlich des Erscheinens seines Genrecomics "Krepier oder stirb".
Wir hatten eine Menge Spass und Bela musste zeichnen.
Davon gibt es ein paar schöne Bilder, die wir Euch zeigen möchten:


Sonntag, 29. Juli 2012

Autor NATHAN EDMONDSON ("Who Is Jake Ellis?") über Freundschaft unter Agenten und Spionen

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Im Gespräch mit PREVIEWSworld erklärt Image Comics Autor Nathan Edmondson wie er die Storylines in seinen Büchern (wie etwa The Activity, Dancer oder auch Who Is Jake Ellis?) mit Experten des U.S. Militärs bespricht.

Außerdem gibt's erste Infos zur Fortsetzung (endlich!!!) seines erfolgreichen "Who Is Jake Ellis?": WHERE IS JAKE ELLIS?, der im November bei Image erscheinen wird.


....und hier noch ein etwas älteres Interview mit Nathan:

"...Part of what sparked Who Is Jake Ellis? was my interest in the idea that covert and special forces operatives put complete trust in those working for and alongside them. Those in the field or undercover rely 100% on the intel and action and defense of others. They’re comfortable doing this because they know exactly what those people are capable of and how well they are trained. I mean, it’s no easy task to turn your back to gunfire and trust the person at your back to defend you. And many operatives do that very thing. So that was one psychological dynamic that’s fascinated me.

The other theme is one of friendship, and more specifically, taking a friend for granted. I’ve done it and I know many people have and that’s something Jon has to consider in the story..."

das komplette Interview (im Januar geführt, zur Veröffentlichung des Sammelbandes - im "Graphic Novel"-Format - von WHO IS JAKE ELLIS?) könnt ihr HIER lesen!

Die Einzel-Hefte seiner Serien (aber natürlich auch die Sammelbände) findet ihr bei uns in der Torstraße im US-Import Bereich (sowohl bei den IMAGE Titeln wie auch auf unserem CRIME- Sondertisch).

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"click" mich groß - Seiten aus
WHO IS JAKE ELLIS?

ein "modern noir thriller"

...inzwischen lese ich tatsächlich alle drei von Nathans Serien, wobei mir "Jake Ellis" ganz besonders gut gefällt: Hier stimmt einfach alles - eine hochinteressante, spannende Story und fantastisches Artwork (sehr "Film Noir"-like) von Zeichner Tonci Zonjic. Eine Agenten-Story, die in europäischen Metropolen angesiedelt ist - mit 'nem Schuß "Matrix". Absoluter Lesetipp!

Eisner Award - Gewinner Mark Waid (DAREDEVIL) im Interview


c) 2012 Marvel / Disney / Panini

Der Eisner Award Gewinner MARK WAID ("Irredeemable", "Kingdom Come") im Gespräch mit Vince Brusio (von PREVIEWSworld, dem digital-Ableger des Previews- Katalog!).

Mark plaudert mit Vince über die Auszeichnung, Daredevil und Marks digital-comic Projekt "Thrillbent".

Die US-Hardcover (HC)-Version des ersten DAREDEVIL Bandes ist von MARVEL leider nicht mehr lieferbar ("OOP" / Out Of Print), aber stattdessen können wir Euch die inhaltsgleiche (und preiswertere) Tradepaperback (TP)- Fassung anbieten!

Inzwischen gibt's die preisgekrönten und von Mark Waid getexteten Abenteuer des "blinden" Matt Murdock aka DAREDEVIL auch als deutschsprachige Lizenz-Ausgabe von Panini (ebenfalls bei uns erhältlich!).




c) 2012 Diamond Comics Distr.

DAREDEVIL, Vol. 01 TP
Collecting DAREDEVIL (2011) #1-6

Publisher: MARVEL COMICS
(W) Mark Waid (A) Paolo Rivera, Marcos Martin (CA) Paolo Rivera

It's a fresh start for the Man Without Fear, with the all-star creative team of writer Mark Waid (CAPTAIN AMERICA) and artists Paolo Rivera and Marcos Martin (AMAZING SPIDER-MAN) at the helm! Matt Murdock is back in New York, but not everyone is happy to see him. Hoping to resuscitate his law practice, he takes on a police-brutality case - but someone is trying to silence the victim. While Murdock struggles in court, Daredevil hits the streets as Klaw, master of sound, makes his deadly return! Then, the blind literally lead the blind as a visually impaired client targeted for assassination holds the key to a global conspiracy perpetrated by some familiar foes. Can Daredevil protect the young man long enough to bring down an international criminal organization, or will their deadly enforcer get to him first? .

"Das UPgrade" im rbb: Ronny Knäusel - Junger DDR-Superheld

Eine der neuesten und vielversprechendsten Veröffentlichungen aus Berlin war am vergangenen Mittwoch Thema im rbb-Vorabend-Magazin zibb. Der Mediacontainer hat diesen Beitrag auf YouTube archiviert und schreibt dazu:
"Freundschaft!" Die Jungpioniere, kwasi das Technische Hilfswerk der eingemauerten DDR, hatten bei genauerer Betrachtung einen Superhelden ausgebildet - Ronny Knäusel. Sogar in nun freigegeben aber sicher kolorierten Verfassungsschutzakten (fast unglaublich) sollen die geheim gehaltenen Abenteuer verzeichnet gewesen sein. Die Zeichner Ulf Graupner und Sascha Wüstefeld haben sich an die Aufarbeitung der Geschichte des Jungpioniers, mit der "Lizenz zum Teleportieren", herangewagt. Im Zitty-Verlag ist "Das UPgrade" als erster Teil einer 10-bändigen Comicserie über Ronny K. erschienen, gezeichnet im bunten und qwirligen Mosaik-Comic-Stil. Ahoi!



Ist bei uns immer vorrätig:

Ulf Graupner / Sascha Wüstefeld

Das UPgrade - Band 1


52 Seiten in Farbe
broschiert
9,90 €

Samstag, 28. Juli 2012

Super-Helden-Steh-Party