Mittwoch, 15. September 2010

Hubert & Kerascoët: Fräulein Rühr-mich-nicht-an [Reprodukt] ... Hinreissende Milieustudien im Pariser Rotlicht

Die Berliner von Reprodukt bewiesen schon mehrfach, dass sie einer leise und spannend erzählten Geschichte immer den Vorzug gegenüber einem effektüberladenen Szenario einräumen und daher überrascht es auch nicht wirklich, dass der Geniestreich aus den Federn von Hubert & Kerascoët unter dem Titel Fräulein Rühr-mich-nicht-an, dort seine deutsche Verlagsheimat fand.

Hubert lieferte das Szenario, welches in den 1930ern in Paris angesiedelt ist und das Künstlerduo (Marie Pommepuy und Sébastien Cosset) welche unter dem gemeinsamen non de plume Kerascoët veröffentlichen liefert seine unverwechselbaren Zeichnungen ab, welche bereits bei Jenseits (Reprodukt) überzeugten und verstörten.

Und auch beim neuen Titel wird nicht mit Brutalität und Grauen gegeizt, ein sadistischer Frauenmörder versetzt Paris in Angst und Schrecken, seine zerstückelten Opfer werden immer wieder an den Ufern der Seine entdeckt, wohingegen der Täter unentdeckt bleibt. Und mitten in diesen Totentanz platzen die beiden Schwestern Agathe und Blanche hinein, Arbeitsmigrantinnen aus der Provinz, welche in der großen Stadt hoffen als Zimmermädchen glücklich zu werden.

Die lebenshungrige Agathe wirft sich mit Hingaben in die Arme der Stadt und geniesst sinnlich jeden einzelnen Moment ihres Aufenthalts, während ihre Schwester krank vor Angst allnächtlich in der regenfeuchten Dachkammer auf ihre Rückkehr wartet. Und dann geschieht das Unglück, Agathe wird ermordet, niemand will der hysterischen jungen Dame vom Land glauben, die Akten sprechen von Selbstmord statt von Mord und Blanche muss sich selbst helfen, will sie ihrem Rachegelübde gerecht werden.

Und so strandet diese Unberührte bei ihrer Recherche nach den Mördern ihrer Schwester im Rotlichtmilieu und wird schnell als die neuste Attraktion eines Pariser Edelbordells stadtbekannt, wo sie vor den Anfeindungen ihrer Kolleginnen und den übergriffigen Avanchen der Luden und ihrer soziopathischen Helfern nicht lange verschont bleibt. Einzig die schwarze Madame-Monsieur Joséphine und die puppengleiche Annette bieten ihr Schutz in der feindlichen Umwelt.

Die Zeichnungen erscheinen auf den ersten Blick witzig, fast schon lieblich, aber auch sie können die Gewalt des Milieus nicht überdecken. Den beiden Zeichnern und dem begabten Szenaristen ist es zu verdanken, dass wir hier die stimmige Überkreuzung eines spöttischen Sittengemäldes mit einer packenden Kriminalgeschichte vorfinden, die zu überzeugen und zu gefallen weiss, denn keine der Figuren wirkt aufgesetzt, alle Charaktere, selbst in den Nebenrollen sind stimmig und glaubwürdig.


Ein besonderer Moment war für mich die Aussparung eines Panels im zweiten Teil, hier gerät Blanche in eine extreme Situation, welche ihr Leben gefährdet. Anstelle einer Darstellung ihrer Gegenwehr liefern Kerascoët aber nur ein weisses Quadrat, welches den Leser eigenständig weiter denken lässt. Diese Form der suggestiven Bildsteuerung macht deutlich, welche Meister ihres Faches hier am Werk sind. Es bleibt aber nicht bei diesem kurzen Moment der exzessiven Gewalt, denn die Lösung des Mordes an Agathe gestaltet sich als ein erschreckender Ritt in das Dunkel der Pariser Nacht und in die Perversion der Mächtigen, waren doch alle Opfer sogenannte "kleine Leute".

Der politische Subtext, der von Hubert eingeflochten wird ist fast unübersehbar, aber er drängt sich niemals auf - glücklicherweise, denn so bleibt ein raffiniertes Stück Comickunst mit viel Bildwitz und Einfühlungsvermögen zurück, welches Lust auf den dritten Band macht, welchen Reprodukt bereits für Dezember 2010 angekündigt. Bleibt abzuwarten, wann der bereits in Frankreich vorliegende vierte Teil seinen Weg in unsere Regale findet. Ich muss sagen, mir wird es schwer fallen zu warten, denn mich überzeugt diese Serie bislang so sehr, dass ich ohne Murren eine Flaneurempfehlung gebe.

Leseproben zu Band #01 und #02 findet ihr hier. Käuflich erwerbbar sind diese Schätze aus Farbe, Tinte, Tusche und Text in beiden Filialen für 12, 00 Euro pro Stück.

Dienstag, 14. September 2010

Soeben eingetroffen: Tintin Kalender 2011




Wandkalender 2011 
ISBN: 9782874242045 
30 x 30 cm, Ringbindung 
€ 14,95





Agenda 2011 
ISBN: 9782874242038 
15 x 21 cm, Ringbindung 
148 S. 
€ 15,95 


Sonntag, 12. September 2010

Murakami in Versailles

Am kommenden Dienstag (14.9.) öffnet die neue Ausstellung des japanischen Künstlers Takashi Murakami ihre Pforten im Schloss Versailles mit vollbusigen Plastikfiguren im Manga-Stil. Das stört nicht wenige Touristen, die bei der Besichtigung des Schlosses ausschließlich ein Stück Geschichte kennen lernen wollen: Mehrere tausend haben bislang die Petition gegen die Ausstellung unterschrieben.

Murakami selbst sieht es gelassen und hat den Schlossmuseums-Leiter auf seiner Seite: "Wir haben die Pflicht, das Kulturerbe des Schlosses für das zeitgenössische Schaffen zu öffnen".

Eine Protestaktion mit eigenen Kunstwerken der Teilnehmer vor dem Schloss ist geplant...



Fotos: © Florian Kleinefenn / Takashi Murakami/Kaikai Kiki Co., Ltd. /
Château de Versailles / Salon de l'Abondance


Update 14. September:

Die ersten aktuellen Fotos von BFLV auf Flicker




Update 20. September:

... dekorative Debilität / neopoppiger Glitzerkitsch im Plastiklook / eine Kunstkirmes des Zeitgeists / triviale Massenkost: ein wirklich wütender Verriss der Murakami-Show im Art Kunstmagazin!

Freitag, 10. September 2010

Hurra! Endlich da!


Jubel-jubel-freu-freu!
500 neue Seiten von Meister Tom für lächerliche € 10,-

Donnerstag, 9. September 2010

Crazy Kalender-Werbe-Clip aus Japan!

Kein Wunder, dass diese Titel auch bei unseren Kunden so gefragt sind :-))


-> mehr davon gibt's bei Try-X

gerade in Japan entdeckt: Original Studio Ghibli - Terminkalender für 2011

These Studio Ghibli approved personal schedule diaries are pure gold for Ghibli fans, with their beautiful anime illustrations and characters inside.

The back covers have a pen-holding loop. Made of a sturdy canvas material.

There are year, month, and week views, as well as address entry and lined and unlined note sections.

As you may know, Mr. Hayao Miyazaki approves all products personally, and a lot of love has gone into this outstanding books.


-> mehr Infos auf unserer Japan-Import-Kalender-Seite

Stéphane Heuet - Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Combray, Band #1 [Knesebeck] Ein Mammutwerk in Bild und Text.

À la recherche du temps perdu ist einer der unbestrittenen Klassiker der französischen Literatur und noch heute häufen sich die romanistischen Forschungspublikationen, welche sich an diesem Mammutwerk abarbeiten, an diesem literarischen Epos, welches die Literaturschreibung grundlegend verändert hat.

Es stellt sich nun die berechtigte Frage, wie ein Konvolut, bestehend aus mehr als 5000 Seiten in eine Comicform überführt werden kann. Stéphane Heuet arbeitet an der Verwirklichung dieser irrwitzigen Idee. Er versucht seit fast 14 Jahren die atmosphärischen Details dieses literarischen Universums in Zeichnungen umzusetzen, somit hat er (je nach Zählweise) die Entstehungszeit des Originals bereits überboten.

Er verbindet hierbei meisterlich den einzigartigen Erzählstil Prousts mit seinen offenen, assoziativen und imaginativen Bildfolgen. Das Resultat ist ein farbenprächtiges Dekor des Fin de siècle, welches die komplexen, dichten und brillanten Beschreibungsszenarien des zwangsweise bettlägerigen Autors kongenial wiedergibt.

Die Gesamtheit der Erinnerungsarbeit, welche Proust leistete, formvollendet abzubilden und umzusetzen ist eine wahrliche Mammutaufgabe, welche Heuet jedoch mit Bravour besteht, seine Kürzungen sind sorgfältig, dramaturgisch nachvollziehbar und vor allem stimmig. Auch wenn der vorliegende erste Teil mit seinen 72 Seiten nur ein knapper Einstieg in das Werk sein kann, bleibt mir nichts anderes übrig als beeindruckt zu sein.

Ich hoffe, dass Knesebeck die Folgeteile zeitnah veröffentlicht, denn vielleicht wird der inzwischen etwas angestaubte Klassiker durch diese Neubearbeitung neue Anhänger finden, die sich die Zeit nehmen, trotz aller Hetze des Alltags und trotz der Diktatur der Unmittelbarkeit wieder einmal einen Blick in das geschriebene Original zu werfen und möglicherweise wird auch der Ein oder Andere, der ansonsten gerne mal sein Näschen rümpft, wenn es um Comics geht nun endlich feststellen, dass nichts, aber auch garnichts vor einer Vereinnahmung durch diese hochpotente und inkludierende Kunstform sicher ist :D.

Ihr findet den ersten Teil dieses ehrgeizigen Comicepos in beiden Filialen für 19,95 Euro.