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Donnerstag, 12. Juli 2012

Israel im Comic (3v3) - Maximilien Le Roy

Israel im Comic (1v3) 
Der letzte Comic, den ich in diesem ersten Triple [die Vorgänger findet ihr hier:1v3 & 2v3] vorstellen möchte, trägt den programmatischen Titel "Die Mauer. Bericht aus Palästina".

Sein Autor ist der junge Franzose Maximilien Le Roy. Ich wurde auf ihn & seine atemberaubende Kunstwertigkeit zuerst durch seine Arbeit als begnadeter Illustrator der "Nietzsche"-Comicbiografie von Michel Onfray (Knaus) aufmerksam, welche ich einem späteren Triple (Comic & Literatur) würdigen werde.

Der erst 25 jährige, erweist sich in diesem Comic, als ein ausgesprochen radikaler, pointierter und hellsichtiger Chronist der humanitären Zustände innerhalb der besetzten Gebiete. Die (wie ich in der Vorbemerkung zur Besprechung des ersten Titels dargelegt hatte) ebenfalls dem Staatsgebiet Israels zugehörig sind.

Dennoch ist der Untertitel "Bericht aus Palästina" mehr als nur ein knapper Hinweis auf ein Besatzungsstatut. Le Roy rückt die palästinensische Bevölkerung in den Fokus seiner Betrachtungen. Diese Praxis unterscheidet seinen Erzählungen gänzlich von den Schilderungen Gliddens, die nicht in der Lage war über diese Bevölkerungsgruppe zu sprechen, da sich ihr während der Durchreise keinerlei Kontaktmöglichkeit dazu bot.

Und ebenso von der Position Delisles, der die scharfen Kontraste der Lebenswirklichkeiten der israelischen und palästinensischen Bevölkerung(en) Israels zwar abstrakt thematisierte, diese aber selten visualisierte.

Le Roy wurde im Jahr 2008 eingeladen einen Zeichenworkshop im Kulturzentrum des Flüchtlingslagers Aida in der Nähe von Bethlehem im Westjordanland zu kuratieren. Dort lernte er den gleichaltrigen Zeichner Mahmoud Abu Srour kennen, den er ein Jahr später erneut besucht. Beide bereisten in der Folge die beengte Welt der palästinensischen Flüchtlingslager. Beide fassen diese Erfahrung in dem vorliegenden Buch zusammen.

Ich schreibe hier bewusst beide, denn trotz der Coverettiketierung, welche den Franzosen als Autoren anführt, kann meines Erachtens hier aufgrund des Raumes, den er seinem Co-Autoren gewährt - nicht glaubhaft von einer Trennung zwischen  Le Roy & Srour gesprochen werden. Somit erscheint es sinniger und zielführender von einer doppelten Autorenschaft unter der Chiffre Le Roy zu sprechen.

Der schmale Band enthält neben den knapp 75 Comicseiten, einen ausführlichen Appendix, welcher die gesammelten fotografischen Eindrücke Srours und ein Interview Le Roys mit dem anerkannten Nahostexperten Alain Gresh enthält.

Dieser hatte der Regionalkonfliktforschung durch die Publikation seiner Studien "Israel - Palästina. Hintergründe eines Konfliktes" wichtige neue Impulse verliehen, weil er damit die erste vergleichende Geschichtsstudie, der jahrzehntelang anhaltenden Spannungen vorlegte.

Im Gegensatz zu der schelmischen, leichtfüssigen Prosa Delisles und der individualistisch geprägten Beobachtung Gliddens, dominiert bei diesem Titel die unterkühlte Distanz. Der Autor selbst verschwindet fast vollständig und lässt seine Beobachtungen ausschliesslich durch seinen Mitautor kommentieren.

Diese Verschränkung führt zu einer eigentümlichen Kombination aus unmittelbarer, unausweichlicher Direktheit und bewusster Entrücktheit. Der Leser nimmt die Umgebung durch die Augen des jungen Palästinenser wahr. Unverblümt, direkt, ungeschliffen.

Trotz der unterkühlten Schilderungen brennen sich die meisten Bilder Le Roys tief ins Gedächtnis ein. Er setzt nicht auf Knalleffekte oder Empörungsprosa - er wählt einen anderen, schockierenderen Weg. Er dokumentiert.

Die dabei entstanden Miniaturen sind präzise skizziert, so wird der Besatzungsalltag, der zumeist hinter knappen Vierzeilen in den Medien verschwindet, sichtbar. Bei seiner Arbeit läuft Le Roy niemals Gefahr ein falsches, heroisches Narrativ anzustimmen. Seine Ablehnung der terroristischen Strukturen ist unverkennbar. Niemals lobt oder bagatellisiert er Attentate oder Morde. Er ist dokumentierender Chronist und niemals parteiischer Zeuge.

Im Gegenzug stellt er die fragwürdigen Praxen der israelischen Regierung ebenso bloss. Die Checkpoints, die Räumungen, die Kollektivstrafen, die durch verschiedenste Menschenrechtsorganisationen sichtbargemachte Folter und die verdachtunabhängigen Verhaftungen. Durch die Visualisierung dieser ununterbrochenen Verstösse gegen internationale Statuten werden Verzweiflungstaten einzelner verständlicher.

Dies ist jedoch niemals als Apologie zu verstehen. Man kommt nicht umhin, dem jungen Autoren ein Chapeau zuzurufen. Er bewegt sich auf diesem äußerst brüchigen Eis beneidenswert sicher. Ob dieser hohe Reflexionsgrad seiner gemeinsamen Reise mit Mahmoud zu verdanken ist, ist spekulativ, aber naheliegend.

Mahmoud überrascht, denn trotz aller selbst erlebten Kränkungen glaubt er noch immer fest an die Möglichkeit des Friedens zwischgen beiden Völkern. Dies - obwohl die Etappen seiner Demütigungen zahlreich sind. Le Roy macht sie sichtbar - die Schläge der Grenzposten, den offenen antiarabischen Rassismus rechtsgerichteter Siedler und auch die gnadenlose Zerstörung jeglicher ökonomischer Grundlagen, im Rahmen einer Kollektivbestrafung.  

Diese bittere Episode (S. 62-66) kleidet der Zeichner in ein angespanntes Rot, bei dem ein expressiver Strich dominiert. Bulldozer zerstören das Haus, der Viehbestand wird niedergemacht, die Hütehunde erschossen - nichts bleibt zurück, eine Politik der verbrannten Erde. Auch diese Taten sind Teil der israelischen Realität.

Dass wenige Wochen später, an der selben Stelle, eine jüdische Siedlung errichtet wird, entsetzt. Zwar wurde der fortschreitende Siedlungsbau in den besetzten Gebieten (nicht zuletzt durch die deutsche Regierung) scharf kritisiert, aber diese abstrakten, makropolitischen Forderungen maskieren individuelle Schicksale.

Le Roy gelingt durch seine glaubwürdige Darstellung des Sachverhalts, die "kleinen" Geschichten hinter diesen diplomatischen Nebelwänden sichtbar zu machen. Er rückt die Betroffenen in den Fokus seiner Schilderungen und befreit sie aus dem Feld des Abstrakten und schwerlich Faßbaren. Er individualisiert somit die Leiden und Nöte der Opfer dieser Politik.

In dieser eindrucksvollen Annäherung an die dunklen Seiten des israelisch-palästinensischen Konflikts beschreibt Le Roy, was Glidden in ihrem Comic verschweigen musste, da der interen Andere für sie blickdicht hinter dieser landzerteilenden Mauer verborgen blieb. Auch fokussiert er deutlich schärfer als Delisle, dies ist aber auch den sehr verschiedenen Erzählformen und Formatlängen geschuldet, die erheblich voneinander abweichen.

Während Delisle auf knapp 360 Seiten ein sehr breites Panorama des Konflikts auffächert, welches durch seine Aussensicht dominiert wird, pointiert Le Roy seine Erzählung auf knapp einem Fünftel der Seiten. Natürlich läuft er Gefahr als parteiischer Chronist diffamiert zu werden, weil er den komplexen Konflikt ausschliesslich aus der Perspektive Mahmouds betrachtet, aber er kennzeichnet klar, dass es sich hierbei nur um ein mögliches Prisma der Beobachtung handelt.

Als Resümee kann ich nur folgende Zwischenlösung anbieten. Israel verstehen ist auch nach 60 Jahren und mehr unmöglich - wenn man versucht sich einer einfachen Antwortstruktur zu entziehen. Akzeptiert man Israel als Heimstatt beider Völker existieren zwei innenpolitische Sphären, die sich bisher noch nicht versöhnen konnten.

Zahllose aussen- und innenpolitische, ideologische, religiöse und strategische Diskurse überlappen und verdichten, beschleunigen und bedingen sich hier auf engstem Raum. Die Lager waren niemals monolithisch und jedes binäre Erklärungsmuster muss an der Komplexität des Konfliks scheitern. Ich will dies kurz an zwei (verknappten) Beispiele illustrieren.

 Innerhalb der palästinensischen Innenpolitik kommt es zu einer zunehmenden Radikalisierung verschiedenster Gruppen, die sich durch immer brutalere Taten, gegen die im Rahmen der "Arabellion" erstarkenden gewaltfreien Bewegungen positionieren "müssen", um nicht noch mehr politischen Einfluss einzubüssen. Leider besitzt ein Attentat einen höheren Nachrichtenwert als der passive Widerstand und somit dominiert in der öffentlichen Wahrnehmung eine Protestform, die (glaubt man Mahmoud) keine Mehrheit mehr bei der palästinensischen Jugend besitzt. Eine Facette, die ich sehr gerne sehr viel häufiger thematisiert sehen möchte.

Andererseits darf auch nicht der zunehmende nationalistisch-religiöse Drift der gegenwärtigen israelischen Regierung bagatellisiert werden - auch hier setzen die trennende Kräfte auf eine fortschreitende Eskalation des Konflikts, weil all ihre argumentativen Muster auf der Unversöhnlichkeit beider Seiten basieren.

Auch über diese Radikalen muss gesprochen werden, denn wer bewusst illegale Siedlerinteressen forciert und billigend in Kauf nimmt, dass ganze palästinensische Ortschaften von jeglicher Form der ökonomischen Partizipation ausgeschlossen werden, kann nicht als ein glaubwürdiger, um Ausgleich bemühter Friedensstifter gelten.

Dutzende, vielleicht hunderte weitere Comics werden nötig sein, um Israel zu verstehen. Dieses verstümmelte, durch eine Mauer zerrissene Land, welches die Heimat zweier Völker ist. Ich hoffe es gelingt uns allen, noch bevor die wirren Brandredner ein Inferno entfachen, welches alle Hoffnungen zerstört.

Dienstag, 10. Juli 2012

Israel im Comic (2v3) - Guy Delisle

Israel im Comic (2v3) 
Heute möchte ich euch den zweiten Comic des Triples vorstellen. Die erste Besprechung findet ihr hier (1v3). Es handelt sich hierbei um den Titel  "Aufzeichnungen aus Jerusalem" des Frankokanadiers Guy Delisle.

Der Autor wurde bereits mit seinem Erstlingswerk (Shenzhen) einem kleinen Kreis von Comictätigen bekannt. Denn, er schilderte die Arbeitsbedingungen eines Comiczeichners in dieser kapitalistischen Enklave im Herzen Chinas, sehr eindrücklich und gewitzt.

Weltbekannt wurde er jedoch durch seinen zweiten Comic Pjöngjang - den er 2003 vorlegte (meine Besprechung findet ihr hier). Dieser Bericht einer Reise durch die Hauptstadt der nordkoreanischen Diktatur quoll über vor klugen, pointierten und eigensinnigen Alltagsbeschreibungen. Der Comic erlaubte den Lesern Innenansichten in ein hermetisch abgeschottenes Land, welches aufgrund der fehlenden Bilder, fast nicht in unserer Nachrichtensphäre stattfindet.

Im Anschluss porträtierte er als mitreisender Ehemann in "Aufzeichung aus Birma" das Leben seiner Gattin, einer medizinischen NGO-Aktivistin, in Myanmar. Ein Land, welches er in bekennender Art - wider die Benennungspolitik des Regimes - Birma nannte.

In seinem aktuellen Comic begleitet er, erneut als mitreisender Ehemann, seine Frau nach Israel. Sie ist als medizinische Fachkraft der humanitären NGO (MSF - Médecins Sans Frontières) in einem Flüchtlingslager im Gazastreifen tätig & beide wohnen im Ostteil Jerusalems. Delisle verbringt fast ein Jahr in Jerusalem.

Bereits diese Eckdaten (Wohnort & Anwesenheitsdauer) unterscheiden die Beschreibungen von Gliddens Schilderungen. Verständlicherweise kann sich der Autor somit ein gänzlich anderes, komplexeres Bild des Landes machen, aber auch seine chronistische Arbeit unterscheidet sich grundlegend von der Gliddens.

Während Glidden nur ihre Erfahrungen der Durchreise beschreiben kann, schildert Delisle die Anreise, die Akklimatisierung, die sorgsame Organisation des Alltags und die bürokratischen Herausforderungen seines Lebens in Israel.

Mehrfach besucht er Comicfestivals ausserhalb Israels und wird bei der Wiedereinreise mit zahllosen Fragen durch die israelischen Sicherheitsbehörden konfrontiert, die ein besonderes Interesse an der Arbeit seiner Frau zeigen. 

Delisle wäre nicht der sorgsame Beobachter und leise Erzähler, wenn er solch enervierende Erlebnisse für günstigen Applaus ausschlachten würde, stattdessen schildert er seine Erfahrung kommentarlos, aber niemals ohne Augenzwinkern. Auch in seiner vierten Länderchronik blitzt der schelmische Charme dieses Erzähler ständig auf.

Delisle kann durchaus als dezidiert politischer Autor definiert werden, der sich jedoch niemals aus einer erklärenden Perspektive einem Inhalt annähert. Vielmehr inszeniert er sich als politisch ahnungloser Naivling, der sich in kindlicher Art einem strittigen Inhalt nähert, statt ihn (den Leser bevormundet) zu analysieren. Dies zeigt sich überdeutlich in der Szene eines Tischgesprächs, bei dem der Status Jerusalems beleuchtet wird.

Die Landespolitik benennt Jerusalem als Hauptstadt des israelischen Staates, sämtliche internationalen Vertretungen befinden sich jedoch in Tel Aviv, da die Weltgemeinschaft Jerusalem - aufgrund der illegalen Besatzung des Ostteils der Stadt - diesen Status nicht zuerkennt. Er streut fast beiläufig die komplexen Problematiken dieses Landes in seine Erzählung ein.

Auch der fortlaufende Mauerbau und die Praxen der Sicherheitskräfte an den Checkpoints werden von ihm in Szene gesetzt. Aber statt ein anklagendes Panorama, der durch die UN scharf kritisierten Zugangsbeschränkungen für Palästinenser zu entwerfen, lässt er seinen unglaublich einnehmenden Humor wirken.

Sein mit wenigen Strichen skizziertes, spitznasiges & stets aus dem Profil zu bewunderendes Alter Ego nimmt, gemeinsam mit einer Gruppe von älteren mensschenrechtsbewegten Damen, an einer Protestkundgebung gegen die Checkpointpolitik teil.

Delisle porträtiert diese Szene mit seiner ihm eigenen, fast spitzbübigen, Gewandheit und Eleganz. Er lässt hierbei seine Blicke schweifen, summiert einzelne Eindrücke dieses hochkomplexen Prismas aus Wut und Furcht, aus Abscheu gegenüber der Willkür der Soldaten und deren (durch die Politik erzwungenen) Arbeitsweise.

Delisle benennt keine Täter, keine Opfer - er schildert eine Alltagsszene und krönt diese konzise Beobachtung mit der Darstellung eines Sandwichverkäufers, der völlig unbeeindruckt, im einsetzenden Hagel aus Steinen und Tränengasgeschossen, seinem Tagewerk nachgeht. Beeindruckend.

Und diese willkürlich herausgegriffene Szene ist nur eine der zahllosen Miniaturen der Beobachtungen des israelischen Alltags, die diesen Comic zu einem Meisterwerk machen. Ich wage zu behaupten, dass auch ein einjähriger Aufenthalt, nicht gleichzusetzen ist mit einem Verstehen des Landes...

... eines Landes, in dem in Fusswegentfernung zwei komplett verschiedene Welten (ko)existieren. Im Ostteil der Stadt stapelt sich der Müll, hier befinden sich nur wenige, selten gut ausgestattete Geschäfte, während in einer israelischen Siedlung, die sich tatsächlich hinter einem Erdwall befindet, ein Überangebot vorzufinden ist. In einem Kaufhaus findet Delisle selbst seine kanadischen Lieblingsflocken. Diese dichte, leichtfüssige Pointe auf die schreiende Ungleichverteilung kann nur als gelungen bezeichnet werden.

Aber ein Aufenthalt in Israel, ist ohne Bezugnahme auf muslimische Kontexte (abseits einer Busreise) unmöglich. Und auch hier kann ich Delisle nur loben, weil er nicht in das oft bemühte Binärnarrativ verfällt und sich jeder Opferzuschreibung verweigert. Er zeichnet sich lieber selbst, wie er vergnügt pfeifend, sich an einem Apfel labend, durch die Strassen zieht. Im Ramadan. Pfeifend. Man muss ihn mögen.

"Aufzeichnungen aus Jerusalem" zeichnet ein sehr komplexes, niemals einseitiges oder anklagendes Bild des Aufenthalts. Delisle stellte zahlreiche Eindrücke und Skizzen seiner Zeit in Israel bereits während seines Stationmachens auf seinem Blog (hier) vor.

Er rekonstruiert die gesammelten Skizzen und Erzählungen im Anschluss und auch wenn der Großteil des Comics chronologisch angelegt ist, existieren einige wenige Raffungen und Vorgriffe, die den 334 Seiten starken Comic, der in der deutschen Übersetzung bei Reprodukt verlegt wird, zu einem faszinierend dicht komponierten Werk machen, welches ebenso oft nachdenklich stimmt, wie es zu einem begeisternden Kichern einlädt.

Dienstag, 3. Juli 2012

Israel im Comic (1v3) - Sarah Glidden


Drei Erzählungen, drei Autorenmotivationen, drei völlig unterschiedliche Perspektiven - ausgebreitet auf insgesamt knapp 640 Seiten. Ich will euch drei Titel vorstellen, die den hochkomplexen Gegenstand der israelischen Gegenwart in den Mittelpunkt stellen. Es handelt sich hierbei um die folgenden Comics:
  
Sarah Glidden: Israel verstehen in 60 Tagen oder weniger 
Guy Delisle: Aufzeichnungen aus Jerusalem 
Maximilian Le Roy: Die Mauer  

Israel im Comic (1v3) 
Der erste Comic, den ich bei diesem Triple untersuchen möchte, trägt den etwas arg auf Trigger gebürsteten Titel "Israel verstehen. In 60 Tagen oder weniger". 
Trigger? Ja, denn es stellt sich die Frage - kann die Geschichte eines jeden beliebigen Landes tatsächlich in 60 Tagen - also in einer knappen Sommerferienlänge - verstanden werden? 
Mit der Autorin Sarah Glidden reist eine junge, studierte, sich politisch eher als links stehend wahrnehmende Frau nach Israel. Was sie zu dieser Reise motiviert ist schnell erzählt. Ihr Freund hat arabische Wurzeln und nimmt in den Debatten um die umstrittene israelische Politik häufig eine konträre Position zu ihren Ansichten ein. 
Sie selbst ist eine nichtpraktizierende, säkulare Jüdin, die sich durch die Lektüre zahlreicher Autoren, welche die Siedlungs- und Besatzungspolitik scharf angreifen, ein ausführliches theoretisches (und nach ihrer Auffassung kritisches) Bild zu Israel gemacht hat. Sie möchte aber diesem Bücherwissen eine lebensweltliche Dimension hinzufügen. 
Hier bietet sich der Service des "Birthrights Movement" an. Hinter diesem (politisch etwas aufgeladenen) Begriff versteht man ein kostenloses Reiseprogramm nach Israel, welches durch die israelische Regierung und solvente us-amerikanische Sponsoren finanziert wird. 
Hierbei werden junge Menschen eingeladen, das Land, welches sich als Heimstatt aller Juden versteht, zu bereisen. Es gilt auch als eine Reaktion auf die Shoah und begreift sich selbst als Zeichen eines unabhängigen, stolzen jüdischen Gemeinwesens. Klingt eigentlich hinreissend. Reisen, Tradition selbst erleben - Geschichte verstehen ...
... doch ganz so bonbonfarbenenbunt und simpel ist die Welt, eben selbst in diesem Comic nicht. Geschichtsschreibung bedeutet immer auch eine Verortung des Schreibenden, ist gebunden an einen Standpukt, wurzelt in der strategischen Überlegung, welche Art des historischen Narrativs traditiert werden soll. 
Und so ist auch diese Busreise durch das "heilige Land" nicht frei von Ausschliessungen. Glidden hält (fast beiläufig) fest, dass sie während ihrer gesamten Busreise durch Israel niemals auf Palästinenser oder arabische (oder schwarze) Israelis traf - der Vorwurf einer kritiklosen Schaukastentour liegt in der Luft. 
Man reist zu Marksteinen des neuen israelischen Staatsverständnisses, zu Orten der mythischen Verklärung, aber niemals in die besetzten Gebiete - diese bleiben, sich dem Blick der Autorin entziehend, hinter der monumentalen Mauer verborgen, welche die beiden Völker dieses Landes voneinander abschottet. 
Kritische Fragen werden von den Reiseleitern selten beantwortet, die Kontakte mit den Einheimischen beschränken sich auf ein Minimum. Der Aufenthalt besitzt etwas entrücktes, nahezu absurdes. Man besucht die Kulisse eines Landes und jeder Einwohner scheint seine Rolle beherzt (überzu)erfüllen. 
Gliddens Reise ist die Reise durch ein segmentiertes Land, entlang einer betonierten Linie, die man nicht überschreitet - zumindest nicht bei dieser Busreise. Ihr Blick endet (erzwungenerweise) dort, wo der tatsächliche Verstehensprozess beginnen würde. 
Die Rundreise, welche sie unternimmt, zeigt nur eine Seite des israelisch-palästinensischen Konfliktes und ist somit fraglos minderkomplex, hinzu kommt dass die Reisedauer von 60 Tage ein sehr beengtes Zeitfenster darstellt, welches einer vollständigeren Analyse ebenfalls nicht dienlich ist.
Glidden hat trotz dieser Einschränkungen einen hervorragenden, detailreichen und glaubwürdigen Comic über ihre Reiseerfahrungen verfasst, in dem sie sich als hellwache Chronistin des (reduzierten) israelischen Alltags erweist. 
Denn trotz aller Virtualität dieser Reise durch ein Landes, dass seine Mitbevölkerung ausblendet, gelingt es ihr - gerade in der Abwesenheit der Anderen - die Verwerfungslinien dieses Landes sichtbar zu machen. Somit gelingt es ihr auch die Abwesenden aufzufinden. 
Sie löst sich auch, in den niemals anmaßenden oder gar belehrenden Schilderungen ihrer Erlebnisse, von ihren bisherigen theorielastigen Überzeugungen. Und zeigt auf, dass ein reines Buchwissen, niemals ausreichen kann um komplexe, lebendige Geschichten zu verstehen. Diese können nur erzählt werden, wieder und wieder.
Und eben dieser facettenreiche Reifeprozess wird durch ihre offenherzig ausgestellte Unsicherheit zu etwas besonderem. Meine einzige Kritik an dem Comic ist, dass der Titel verheerend irreführend ist - ein einziges Satzzeichen - ein Fragezeichen am Ende des Titels - hätte eine anderen Erwartungshaltung evoziert und hätte so auf eine (notwendige) kritischere Distanz zum Gegenstand hingewiesen. 
Der zweite Teil des Triples folgt demnächst.